Ein Büdinger forscht bei den Mongolen

„Translateur verschiedener Mongolsch. Sprachen, bey der Rußisch. Kayserl. Akademie der Wissenschaften, ... aus der Wetterau u. Grafschaft Isenburg Büdingen“

Karlheinz Schweizer sammelte als Grundlage seines historischen Romans „Johann Jährig“ umfangreiches Material zu diesem heute fast vergessenen Mongolenforscher des 18. Jahrhunderts. Der Quellenband „Johann Jährig und seine Zeit - Ein Büdinger forscht bei den Mongolen“, herausgegeben von der Geschichtswerkstatt Büdingen, zeichnet das Leben des Johann Jährig von seiner Geburt 1747 auf dem Herrnhaag bei Büdingen bis zu seinem Tod in Petersburg im Jahre 1795 nach.

Jährig war ein wissbegieriger Mensch. Er interessierte sich nicht nur für die Sprachwissenschaft, sondern auch für die Geschichte und Ethnographie der mongolischen Völker. Seine Aufmerksamkeit richtete sich, wohl durch die Vermittlung der tibetischen Texte angeregt, auch auf indische Materialien zur Religionsgeschichte und Astrologie. Er untersuchte alles, was er auf seinen Reisen zu sehen bekam. Der „Translateur“ betrieb sechzehn Jahre lang, unter schwierigsten Bedingungen, was man heute Feldforschung nennen würde, teilnehmende Beobachtung im Sinne Malinowskis. Doch anders als der berühmte Kulturanthropologe hielt Johann Jährig nicht auf Distanz zu seinem „Forschungsgegenstand“. Johann Jährigs Handschriften sind erhalten: Eine Vielzahl von Material, aufgezeichnet in schwer lesbaren gotischen Schriftzeichen, in Archiven, kaum erforscht, dem großen Kreis der Forscher wenig zugänglich.

Die ersten Versuche der Herrnhuter, Kontakt mit den Oberhäuptern der orthodoxen Kirche aufzunehmen, waren gescheitert. Als Ketzer und Sektierer bezeichnet, landeten einige Kundschafter als Spione in russischen Kerkern. Als die neue Zarin, Katharina II., den Thron bestiegen hatte und sich ein Bild von der Größe ihres Reiches machen wollte, stellte sich heraus, dass der Zarenhof nicht einmal über eine Landkarte verfügte. Nun erging der „allergnädigste Befehl“, das Imperium zu erforschen. Nachdem sie in ihren Einwanderungsmanifesten von 1762 / 1763 auch die Glaubensfreiheit versprochen hatte, nahmen die Herrnhuter erneut Verhandlungen mit Russland auf. Die Brüderunität erhielt Land und Privilegien an der Wolga zugesprochen, durfte aber nicht missionieren. Auch war die Verständigung schwierig, denn weder Kalmücken, noch Deutsche Russisch sprachen. Der sprachlich hochbegabte Johann Jährig unterhielt Kontakte zu den Kalmücken und erlernte ihre Sprache.

Durch die Flucht vieler Kalmücken vor einer Eingliederung in das russische Reich im Jahre 1771 sowie Missernten, Seuchen und Schäden durch das Vieh der verbliebenen Nomaden 1773, kam es zu einer Wirtschaftskrise. Jährigs  Indigodruckerei arbeitete mit Verlust, er wurde 1772 von der Ältestenkonferenz suspendiert und 1773 von der Brüdergemeine ausgeschlossen und musste Sarepta verlassen. Der wahre Grund für seinen Ausschluss dürfte aber eher darin liegen, dass er mit dem Volk der Kalmücken „einen seichten, lasterhaften Umgang“ pflegte.

1767 hatte die Zarin die Petersburger Akademie beauftragt, wissenschaftliche Forschungsreisen, „besondere Expeditionen“, zu unternehmen, von denen sie sich mehr versprach als nur wissenschaftliche Erkenntnisse. An der 1724 gegründeten Petersburger Akademie wirkten namhafte Wissenschaftler, für die ausgedehnten Reisen suchte man nach Gelehrten einer neuen Generation, nach jungen Leuten, die den Strapazen standhalten würden, wie den Akademiker Peter Simon Pallas.

Johann Jährig lernte Pallas im Jahre 1773 kennen, als dieser sich, nach einer Expedition durch den asiatischen Teil Russlands, auf dem Rückweg nach Petersburg befand. Ein Empfehlungsschreiben von Pallas an den Sekretär der Petersburger Akademie verhalf Jährig zu einer Anstellung als „Translateur“ östlicher Handschriften der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften.

Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Postkutsche, war die Zustellung von Briefen und Paketen über lange Distanzen außerordentlich schwierig und unzuverlässig. Jährig hatte während seiner gesamten Tätigkeit mit diesem Problem zu kämpfen. Sowohl seine Berichte an die Akademie, als auch sein Gehalt und andere Sendungen aus Petersburg kamen zum Teil sehr verspätet, zum Teil wohl gar nicht an.

Jährig erlernte die tibetische Sprache, schickte Übersetzungen der Briefe des Dalai-Lamas, erklärte den Inhalt einer astrologischen Sammlung indischer Herkunft, schrieb über kalmückische Heilmethoden und Übersetzungen und Auszüge auch aus Werken in tibetischer Sprache. Die Akademie erhielt Proben des Pflanzen- und Tierreichs aus der Steppe und Heilkräuter der Kalmücken. Jährig war also nicht nur Übersetzer, sondern auch Autodidakt auch auf anderen Gebieten der Wissenschaft.

1789 trat er eine Stelle als Übersetzer bei der Kommission für Rhabarberhandel an und reiste erneut nach Sibirien, diesmal mit seiner Frau Sophia. 1791 sprach ihm die Akademie der Wissenschaften in Anerkennung seiner Dienste eine Pension auf Lebenszeit zu. Jährig war nun nicht mehr an die Akademie gebunden, dennoch beschäftigte er sich bis zu seinem Tode weiterhin mit der mongolischen und tibetischen Sprache und sandte wie früher Rechenschaftsberichte und Resultate seiner Arbeit. Jährig arbeitete an der Grammatik der mongolischen Sprachen und sandte1792 die „Anfangsgründe der Tibätischen Schrifft- und Sprachlehre“. Innerhalb von zwei Jahren beendete Jährig die „Mongolische Buchstaben-Forschung“ mit Erklärungen, wie man die mongolischen Schriftzeichen beim Druck mongolischer Texte wiedergeben müsse. Ende April 1795 kehrte er nach Petersburg zurück, wo er am 15. Juni desselben Jahres verstarb.

Wäre Jährigs Manuskript „Anfangsgründe der Tibätischen Schrifft- und Sprachlehre“ jemals in Druck gegangen, würde die Tibetologie ihn als einen ihrer Gründungsväter würdigen.

47 Seiten, Paperback

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