In der Mitte des 19. Jh. wurde Bad Nauheim ein Heilbad für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Besonderheit lag in der Entdeckung und Anwendung der heilsamen Wirkung der natürlich vorkommenden Kohlensäure in der Thermalsole. Der großherzogliche Hof förderte den Ausbau der Kureinrichtungen in Bad Nauheim intensiv. 1869 erhielt die Stadt den Namenszusatz „Bad“.

Als Kurort hatte Bad Nauheim um 1900 Weltrang mit Tausenden von Gästen. Der Großherzog dachte auch wirtschaftlich, so sollte Kunst und ein viel versprechender Wirtschaftszweig nach dem Motto werden: „Mein Hessenland blühe und gedeihe und in ihm die Kunst.“ Bad Nauheimer Neubauten sollten dies anschaulich machen. Unter der Leitung des Großherzoglichen Regierungsbauinspektors Wilhelm Jost kommt es zwischen 1901/1902 bis 1912 zu einer einheitlichen Gestaltung der Bade-, Kur- und Wirtschaftsanlagen. Zunächst erbaute Jost 1902 inmitten des Kurparks ein Inhalatorium, heute ist dort die Stadtbücherei untergebracht.

Zwischen 1905 und 1912 wurde unter der Leitung von Jost als neues Herz der Kuranlagen der Sprudelhof, Bad Nauheims Wahrzeichen und wichtigstes Baudenkmal, errichtet. Der riesige Gebäudekomplex um die drei als Sprudel aus der Erde tretenden heißen Heilquellen, beherbergt insgesamt 240 Badezimmer, darunter luxuriös ausgestattete Fürstenbäder. Zwischen 1910 und 1912 entstand auch die Trinkkuranlage. Die hufeisenförmige Anlage umschließt einen Innenhof mit Trinkhalle, Wandelgängen und einer großen Konzertmuschel. Das 1862–64 erbaute Kurhaus wurde zu Anfang des 20. Jahrhundert ebenfalls umgestaltet: Terrasse und Kurgarten wurden erweitert, ein Musiktempel errichtet.

Jahrzehnte lang kamen prominente Gäste zur Kur. Bereits 1859 hatte sich Otto von Bismarck in Bad Nauheim einer Wasserkur unterzogen; nach 1871 folgten u. a. das deutsche und das österreichische Kaiserpaar, der bulgarische Zar Ferdinand I., Alfred Krupp, August Bebel, Richard Strauss und Karl May. 1891 hielt sich der damals neunjährige spätere US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit seinen Eltern für mehrere Monate in Bad Nauheim auf und besuchte sogar für einige Zeit die öffentliche Volksschule, an deren Gebäude heute eine Gedenktafel auf den berühmten Schüler hinweist. Besonderes Aufsehen erregte im Jahre 1910 der Kuraufenthalt der russischen Zarenfamilie; eine um 1900 geweihte russisch-orthodoxe Kirche mit bis heute aktivem Gemeindeleben erinnert an die Beliebtheit der Stadt bei Kurgästen aus Osteuropa.

In der Weimarer Zeit behielt Bad Nauheim seinen Ruf als mondänes Luxusbad; neben zahlreichen Mitgliedern des exilierten russischen Hochadels fanden sich bald auch wieder Prominente aus den USA in Bad Nauheim ein, darunter die Schauspielerinnen Marion Davis und Lillian Gish sowie der Pressemagnat William Randolph Hearst. Zu ihnen gesellten sich Berühmtheiten wie Albert Einstein, Erich Kästner, Rabindranath Tagore und Hans Albers. In den eleganten Hotelbars spielten bekannte Tanzorchester der Weimarer Zeit, darunter das in Bad Nauheim gegründete Orchester Bernhard Etté; auch die
Comedian Harmonists gastierten in der Stadt.

In ihrer Veröffentlichung zeigt die Geschichtswerkstatt Büdingen Bad Nauheim in seiner Blütezeit zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Am Beginn stehen 28 handkolorierte Bilder, davon 27 aus der Zeit vor 1901 bis 1920. Sie zeigen Panorama-Ansichten, Gradierwerk und Großes Triebrad, Kurhausterrasse, die Sprudelanlage vor und nach dem Umbau 1905-1912, Kurpark und Teichhaus, den Aussichtsturm auf dem Johannisberg, Konitzkystift und Parkstraße. Die folgenden Aufnahmen aus den Jahren 1902 bis 1930 zeigen außerdem ein Badehaus und einen „Schmuckhof“, Grand-Hotel und Kerckhoff-Institut, Häuser- und Straßenansichten. Den Abschluss machen vier Bilder aus der Zeit vor 1902 bis 1912, die Einwohner und Kurgäste fein herausgeputzt.

Die historischen Ansichten laden auch zum Vergleich mit dem Bad Nauheim heutiger Tage ein. Der Band wurde durchgehend in Farbe gedruckt, um auch den „goldbraunen“ Charme der alten Aufnahmen zu bewahren.

DIN A6, Spiralbindung 6,00 €

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